Ein Jahr mit Referenzschulen

Wichtig ist, dass alle Lehrkräfte ihren Weg finden. Denn nur wer mit Freude unterrichtet, kann auch Freude verbreiten. Wir laden interessierte Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen ein, sich unsere Arbeitsweise anzuschauen, gemeinsam mit uns zu lernen, und dann eigene Wege der Umsetzung mit Freude zu finden.“ (Schulleiterin einer Referenzschule)

 

Das Fortbildungsmodell „Abgucken erwünscht – Referenzschulen für kollegiales Lernen“ bereichert die Lehrerfortbildung und Schulentwicklung in Sachsen-Anhalt um die Fortbildungsmethode des kollegialen Lernens.

Sachsen-Anhalts Schulen können im Rahmen ihrer eigenen Schulentwicklungsprozessen auf einen umfangreichen Wissens- und Erfahrungsschatz zurückgreifen. „Abgucken erwünscht!“ möchte diesen aus der Praxis für die Praxis anderer Schulen zugänglich machen, indem engagierte Kollegien darin unterstützt werden, voneinander und miteinander zu lernen. Das Modell basiert auf einer Kooperation zwischen dem Kultusministerium Sachsen-Anhalt mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Sachsen-Anhalt, dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) und dem Ganztagsschulverband Sachsen-Anhalt e.V..

Das Modell mit Referenzschulen für kollegiales Lernen wird vorerst von 2012 bis 2014 erprobt und kann mittlerweile auf ein Jahr Fortbildungsangebote von Lehrkräften für Lehrkräfte und Netzwerkarbeit zurückblicken.

Auszeichnung als Referenzschule

Zu Beginn des Jahres 2012 präsentierten sich in einem Auswahlforum Ganztagsschulen einer überfachlichen Jury, um in das erste Referenzschulnetzwerk Sachsen-Anhalts aufgenommen zu werden. Auf Grundlage ihrer Schulprogrammarbeit präsentierte jede Bewerberschule ihre individuelle Lehr- und Lernkultur und skizzierte ein mögliches eigenes Fortbildungsangebot im Rahmen von „Abgucken erwünscht“. Eine Schule brachte eigene Erfahrungen zur Bedeutsamkeit von Veränderungen im Praxisfeld Schule auf den Punkt: „Lernen gehört zum Leben. Leben ist Bewegung. Lernen ist Bewegung.“

Sechs Ganztagsschulen überzeugten in besonderer Weise und wurden von der Jury als Referenzschulen für kollegiales Lernen für die Erprobungsphase 2012 bis 2014 ausgewählt:

Integrierte Gesamtschule Willy Brandt Magdeburg

Sekundarschule Friedrichstadt Wittenberg

Sekundarschule Albert Schweitzer Aschersleben

Ganztagsgrundschule Stendal

Ökowegschule Kugelberg Weißenfels

Ganztagsschule Johannes Gutenberg Wolmirstedt

 
 
Am 7. Mai 2012 gab Kultusminister Stephan Dorgerloh im Rahmen einer Auftaktveranstaltung  den Startschuss für „Abgucken erwünscht – Referenzschulen für kollegiales Lernen“.. „Unser neues Fortbildungsmodell ist eine gute Möglichkeit, dass Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Schulen von und miteinander lernen können“, so Kultusminister Stephan Dorgerloh, „Schulen sind eingeladen, an konkreten Erfahrungen, Fragen, Problemlagen und Zielen gemeinsamer Praxis zu lernen und daran zu wachsen.“

Das kollegiale Lernen ist eine der effizientesten Lernmethoden. Deshalb soll es in der Fortbildung eine zentrale Rolle in Sachsen-Anhalt einnehmen. „In diesem Sinne kann das Referenzschulmodell einen Beitrag leisten, sodass Schulen mehr voneinander lernen, „… aus der Praxis, für die Praxis, in die Praxis“, wie Frau Dr. Prüfer, Fachbereichsleiterin für Lehrerfort- und Lehrerweiterbildung am LISA verdeutlichte.

Herr Schupa, Schulleiter der Ökowegschule Kugelberg in Weißenfels, lobte diese Form der Fortbildung, betonte aber, dass nur ein offener und ehrlicher Umgang zwischen Referenzschulen und Fortbildungsteilnehmenden das Gelingen eines solchen Lernprozesses garantiere.

„Um attraktive Fortbildungen zu entwickeln, sollten die Referenzschulen darstellen, was ihnen in der Praxis gut gelingt, geglückt ist und warum“, sagte Sylvia Ruge, Regionalstellenleiterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Sachsen-Anhalt. Sie sieht in dem neuen Referenzschulmodell ein Anreizsystem für Schulentwicklungsprozesse.

 

22. November 2012, Ganztagsgrundschule Stendal (Schülerinnen und Schüler, Kultusminister Stephan Dorgerloh, Schulleiterin Anette Lenkeit, DKJS-Regionalstellenleiterin Sylvia Ruge)

Die feierliche Verleihung des Titels an die sechs Referenzschulen vor Ort erfolgte durch den Kultusminister Sachsen-Anhalts oder durch Dr. Siegfried Eisenmann, Direktor des LISA . Im Beisein von Vertretern aus Bildungspolitik, Kommunalverwaltung, der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ sowie der Eltern- und Schülerräte wurde das Engagement der jeweiligen Schule als Referenzschule gewürdigt.

Weitere Informationen zur Titelverleihung an allen sechs Referenzschulen finden Sie hier.

Fortbildungen

In den Fortbildungen der Referenzschulen erhalten Lehrkräfte und Schulleitungen konkrete Impulse für die Unterrichtsgestaltung, u. a.  wie Schülerinnen und Schülern schrittweise Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernehmen oder auch, wie Lehrkräfte in Teams arbeiten oder wie sie Ganztagsschulangebote für und mit Schülerinnen und Schülern organisieren können. Ein Beispiel:

„Lernfreude wecken, aber wie?“ – Abgucken bei den Kolleginnen in Wittenberg

Unter dem Titel „Lernfreude wecken, aber wie?“ startete die Ganztagsschule Fried-richstadt Wittenberg als erste der sechs Referenzschulen für kollegiales Lernen ihr Fortbildungsmodul im November 2012. Schulleiterin Frau Petermann empfing Kollegen und Kolleginnen aus anderen Schulen mit den Worten: „Begeisterung ist nicht anstrengend, aber ansteckend“.  

 

Das Fortbildungsteam Ines Petermann, Betina Wittig und Martina Preuß gab zunächst einen theoretischen Input über kompetenzorientierte Lernarrangements und die Darstellung der Umsetzung in Form von projekt- und praxisorientierten Lerntagen (Schulspezifische Abkürzung: projektorientierte Lerntage  „ POLT“  und praxisorientierte Lerntage „PALT“). Dann erfolgte ein intensiver Erfahrungsaustausch. In Kleingruppen besuchten die Fortbildungsteilnehmenden Unterricht, um die inhaltliche und organisatorische Gestaltung des Projektunterrichts an der Schule zu erleben und mit Schüler- und Lehrerschaft ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus gab es praktische Einblicke in den Schulalltag der Referenzschule. Am Rande wurden auch Tipps zur Beschaffung und Verwendung von Unterrichtsmaterialien ausgetauscht. So wurde die Fortbildung eine Fundgrube neuer Ideen.

 

In einer weiteren Fortbildungsveranstaltung erstellten die Teilnehmenden unter fachkundiger Anleitung des Fortbildungsteams eigene Grobkonzepte zur Planung fächerübergreifender Projekte an ihrer Schule. Neben der kollegialen Reflexion stand die Umsetzung der Grobkonzepte im Fokus des zweiten Fortbildungsmoduls. Frau Hiller, Lehrerin der Sekundarschule Raguhn resümierte: „So skeptisch ich am Anfang war, umso überzeugter bin ich vom Resultat. Die Verwirklichung unserer Projektidee führte zu einem für mich unerwarteten Lerneffekt bei den Schülerinnen und Schülern.“ Zudem konnte offen und vertraulich über Fehler und Schwierigkeiten bei der Projektinitiierung gesprochen werden. Auch davon profitierten die Teilnehmenden.

Zu den Höhepunkten des Tages in Wittenberg gehörten auch die Präsentationen von Schülerinnen und Schülern zu ihren POLT-Projekten, bei deren Themenwahl sie von Anfang an beteiligt waren. Präsentiert wurden z.B. die Konstruktion einer Bank aus Metall, die Gestaltung der Aula mit Sportsymbolen, ein Globus aus Metall, das Journal zu POLT oder die überdimensionale Werte-Box in Raumgröße.
„Mut zu Fehlern“, betonte Schulleiterin Petermann, sei Recht und Basis jeder Schulentwicklung.

Innovation und Durchhaltevermögen gemeinschaftlich  von Schulleitung und Lehrkräften, sich trotz zahlreicher Widerstände und organisatorischer Probleme immer wieder auf den Weg zu machen, scheint erfolgversprechend. Eine Teilnehmerin der Fortbildung resümiert: „Der Input und vor allem die kollegialen Gespräche machen mir Mut und geben Zuversicht.“


Referenzschulnetzwerk und Prozessgestaltung

Anderen Schulen die Türen zur eigenen pädagogischen Praxis zu öffnen und sie zum Nach- und Mitmachen zu ermutigen, erfordert eine genaue Analyse des eigenen Entwicklungsprozesses. In regelmäßigen Netzwerktreffen wurden die Referenzschulen bei der Vorbereitung und Gestaltung ihrer Fortbildungsangebote begleitet. Hierbei spielte die intensive Reflexion der eigenen Schulentwicklung eine große Rolle. Insofern lieferten die Netzwerktreffen der Referenzschulen Ergebnisse auf zwei Ebenen: Zum einen entstanden praxisnahe Fortbildungsangebote, von denen viele andere Schulen profitieren können. Zum anderen ermöglichte gerade die Prozessanalyse eigener Schulentwicklung den Referenzschulen selbst, Ausgangspunkte für die eigene Entwicklung neu zu bestimmen und neue Impulse zu erhalten.


„Es entwickelt sich etwas, das entweder kurzlebig ist oder eine solche Metamorphose durchlebt, dass es nicht mehr zu erkennen sein wird. Wir haben die Möglichkeit eigene Strategien zu entwickeln und erfahren Anerkennung und Problemlösungshilfen durch Gleichgesinnte.“ (Lehrer der Ökowegschule Kugelberg Weißenfels  im Rahmen der Netzwerktreffen)

Über die gemeinsame Netzwerkarbeit haben die Referenzschulen die Möglichkeit, in geschütztem Raum kritische Freunde füreinander zu sein und Fragen zu stellen, die zum Nachdenken angeregt und für neue Impulse gesorgt haben. Diese Erfahrung des kollegialen Lernens wirkte sich positiv auf die entstandenen Fortbildungsangebote aus: Die Lehrkräfte machten sich unter Begleitung externer Moderatorinnen für die Durchführung ihrer Fortbildungen fit und konnten dort aus eigener Erfahrung kollegiales Lernen bereichern und fördern.


Resümee und Ausblick

Im ersten Jahr mit Referenzschulen wurde viel erprobt: ein Fortbildungsmodell getragen durch vier Partner aus der Bildungslandschaft Sachsen-Anhalt, sechs ausgezeichnete Referenzschulen, ein aktives Referenzschulnetzwerk und sehr gut besuchte Fortbildungsveranstaltungen an den Referenzschulen. All diese Bausteine haben zu der erfolgreichen Umsetzung vom kollegialen Lernen in vielerlei Hinsicht beigetragen.
Die Evaluation der 11 durchgeführten Fortbildungen an den Referenzschulen durch die Teilnehmenden war sehr positiv. Direkt zu erleben, wie durch die Fortschritte der jeweiligen Unterrichts- und Schulentwicklung Schülerinnen und Schüler in ihren Lernprozessen nachhaltig motiviert werden, beeindruckte die Teilnehmenden der Fortbildungen  sehr, vor allem weil sie Anregungen für ihre Schulpraxis und konkrete Ideen zur Umsetzung bekommen haben.
„Das Fortbildungsmodell bereicherte schon im ersten Jahr der Erprobung die Qualifizierungsmöglichkeiten für Lehrkräfte in unserem Land. Es beflügelt Fortbildung und die Schulentwicklung der beteiligten Schulen in dreierlei Hinsicht. Die Lehrkräfte und Schulleitungen der Referenzschulen lernen durch Fortbildungs- und Netzwerkarbeit.  Die Teilnehmenden der  Fortbildungen partizipieren von praxisnahen Angeboten der Referenzschulen enorm“, so Dr. Angelika Wolters, Referentin für Lehrerfort- und Lehrerweiterbildung im Kultusministerium Sachsen-Anhalt. Die Bildungspartner sind sich einig darüber, dass im Land Sachsen-Anhalt weiterhin „Abgucken erwünscht“ ist.  Das Fortbildungsmodell  soll ausgebaut werden.

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Kultusministerium Sachsen-Anhalt

Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA)

Serviceagentur „Ganztägig lernen.“ Sachsen-Anhalt

Ganztagschulverband Sachsen-Anhalt e. V.